04.11.2022 | "Wir stehen vor einer Dekade der Qualifizierung"

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Der Arbeits- und Fachkräftemangel in Deutschland nimmt immer massivere Formen an. Das Thema der Qualifizierung und Personalentwicklung gewinnt daher auch für die Zeitarbeitsunternehmen zunehmend an Bedeutung. Welche Vorteile es für Personaldienstleister dabei hat, sich bei der Qualifizierung intensiv zu engagieren, erläutern Richard Hofmann (Inhaber und Geschäftsführer der add-on Gruppe) und Aram Azimi (ehem. Leiter des Bereichs Bildung & Forschung bei der add-on Gruppe) im Interview in Ausgabe 1/2022 des Branchenmagazins „Personaldienstleister“. Dieses stand ganz im Zeichen des Titelthemas „Neue Geschäftsfelder für die Personaldienstleister“.  

Personaldienstleister: Herr Hofmann und Herr Azimi, können Sie kurz skizzieren, wo Ihr Unternehmen stand, bevor Sie in das Thema Qualifizierung eingestiegen sind?

Hofmann: Bis zum Jahr 2018 waren wir ein lokaler, in der Metropolregion Nürnberg etablierter mittelständischer Personaldienstleister, der seinen Kunden Arbeitsüberlassung und Vermittlung angeboten hat. Wir haben Mitarbeiter rekrutiert, eingestellt, vermittelt – „Zeitarbeit“ eben. Ein Alleinstellungsmerkmal oder sogar gesellschaftliche Relevanz hatten wir damals noch nicht. Es gab genügend Marktbegleiter, die das gleiche genauso gut machten wie wir. Und wie alle anderen mussten wir immer mehr Energie und signifikante Investitionen für die Gewinnung neuer Mitarbeiter aufbringen, stets verbunden mit der Hoffnung, dass sich jemand bewirbt – ganz nach dem Motto: „Pay and pray“ …

Azimi: Wir konnten und wollten unsere Talentpipeline nicht mehr dem Zufall überlassen. Die Zeiten, in denen sich die passenden Kandidaten schon von selbst bewerben, sind lange vorbei. Aber auch neue, innovative Wege im Recruiting – ob Videobewerbung oder Social-Media-Kampagne – würden das Grundproblem nicht auflösen: Solange der Pool an Talenten nicht größer wird, erzeugt ein aufgeheizter „war for talents“ nur noch höhere Kosten.

Personaldienstleister: Und aus diesen Gründen ist die add-on Gruppe dann stärker im Bereich Personalentwicklung aktiv geworden, richtig?

Hofmann: So ist es! Wir haben intern bereits Personaldienstleistungskaufleute ausgebildet. Es war aber schon immer mein Wunsch, auch für unsere Kunden auszubilden, und zwar im technischen Bereich – ich selbst habe Ende der 80er eine handwerkliche Ausbildung gemacht und davon sehr profitiert, fachlich wie menschlich. Die große Flüchtlingsbewegung nach dem Syrienkrieg war die Initialzündung, den Wunsch in die Tat umzusetzen. Wir haben aus der Situation heraus reagiert: Integration und Teilhabe setzten Sprache und Arbeitsmarktfähigkeit voraus. Die Jobs hatten wir, die Möglichkeit der Ausbildung fehlte uns noch – daher haben wir den AZAV-zertifizierten Bildungsträger „co-check“ gegründet, zunächst mit Fokus auf technischen Qualifikationen. Mittlerweile bieten wir sechs unterschiedliche Qualifikationslehrgänge an, Tendenz steigend, mit Trend zur Abschlussorientierung.

Azimi: Dieser Bildungsträger war der entscheidende Baustein unserer Personalentwicklung, um aktiv unseren Talentpool mitzugestalten und bisher ungenutzte Potenziale zu heben – sei es bei Bewerbern oder den Menschen, die bereits bei uns beschäftigt waren.

Personaldienstleister: Wenn Sie zurückblicken, was waren die größten Schwierigkeiten in der Anfangsphase?

Hofmann: Richtige Schwierigkeiten gab es niemals, ohne hier jetzt tiefstapeln zu wollen. Aber wenn man aktiv an ein so großes Thema wie den Fachkräftemangel herangeht, gibt es im laufenden Prozess natürlich immer wieder Dinge, die man rückblickend hätte besser lösen können. Ein Beispiel: Wir hatten Personaldienstleistung und Qualifizierung zunächst als kooperierende Einheiten mit jeweils eigenen Arbeitsprozessen betrachtet. Erst seit 2021 leben wir einen komplett integrierten Workflow. Das hätte uns tatsächlich früher einfallen können …

Personaldienstleister: Welche Lehren haben Sie aus diesen anfänglichen Problemen gezogen?

Hofmann: Heute arbeiten unsere Mitarbeiter nicht mehr entweder in der Bildung oder der Personaldienstleistung. Wir sind eine Firma, ein Team, und auch die Bewerber betrachten wir aus einer gemeinsamen Perspektive. Wir bieten Arbeit und Qualifizierung aus einer Hand.

Azimi: Wir haben außerdem gelernt, die Perspektive aller verschiedenen Interessengruppen in der Qualifizierungslandschaft zu erkennen und zu berücksichtigen – auch von Kammern, Jobcentern, Arbeitsagenturen. Heute arbeiten wir erfolgreich im „Co-Creation“-Ansatz mit allen Stakeholdern.

Personaldienstleister: Herr Hofmann, wie ist Ihr Unternehmen heute aufgestellt?

Hofmann: Wir müssen nicht mehr jedem Trend hinterherlaufen, der einem die Gewinnung von Fachkräften verspricht. Natürlich können wir immer noch nicht jeden Auftrag besetzten, leider! Aber ein Plus von 20 Prozent gegenüber der Zeit vor unseren Qualifizierungsaktivitäten ist ja schon einmal eine Ansage.

Personaldienstleister: Ist es als Personaldienstleister aus Ihrer Sicht demnach ein notwendiger Schritt, einen eigenen Bildungsträger aufzubauen?

Azimi: Meiner Meinung nach müssen Qualifizierung und Personalentwicklung zumindest als Thema in jedem Firmenportfolio vertreten sein. Daran führt kein Weg mehr vorbei. Wir stehen vor einer Dekade der Qualifizierung, da sind sich alle Experten einig. Dass aber demnächst jeder Personaldienstleister einen eigenen Bildungsträger aufbauen wird, wage ich zu bezweifeln. Man kann sich auch durch Kooperationen und Netzwerke strategisch am Markt positionieren.

Hofmann: Für uns als add-on war es attraktiv, möglichst viele Erfahrungen und Prozesse im eigenen Haus zu sammeln. Das ist unser Weg der Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit. Andere bevorzugen es vielleicht, die vielfältigen Angebote der Akteure der Bildungslandschaft zu nutzen. So oder so: Wirklich jede Personaldienstleistung kann heute Qualifizierung und Entwicklung starten, selbst ohne finanziellen Einsatz –solange man bereit ist, genügend Zeit und Herzblut zu investieren!

Personaldienstleister: Häufig besteht in der Branche die Befürchtung, dass sich Qualifizierungsmaßnahmen unternehmerisch nicht rechnen. Was sagen Sie, Herr Hofmann, aus eigener Erfahrung dazu?

Hofmann: Als Personaldienstleister sind wir es gewohnt, kurzfristig in Stundensätzen zu kalkulieren und am Ende des Monats zu prüfen, ob sich alle Beteiligten intern und extern, also auch Mitarbeiter in der Überlassung und Kundenunternehmen, an unsere theoretische Forecast-Planung halten. Das ist meiner Überzeugung nach aufgrund der vielen Abhängigkeiten eine wesentlich riskantere, spekulativere Situation als unsere Qualifizierungsaktivitäten. Um es kurz zu machen. Ja, es rechnet sich und wir investieren gerne auch bedeutende Summen. Wir wachsen an Planbarkeit, Umsatz, Gewinn. Und nicht zuletzt gewinnen wir, weil wir neben unserem Kerngeschäft auch einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen.

Personaldienstleister: Hat es also über die reine Umsatzgewinnung hinaus noch weitere Vorteile, sich als Personaldienstleister bei der Qualifizierung zu engagieren?

Azimi: Absolut ja! Der Fachkräftemangel ist eine zentrale gesellschaftliche Herausforderung, und wir Personaldienstleister können hier eine Schlüsselrolle einnehmen: Kaum einer kennt die Bedarfe der Arbeitgeber so gut wie wir. Gleichzeitig erfassen wir, was arbeitnehmerseitig an Potenzial zur Verfügung steht: Wir beschäftigen viele formal „Geringqualifizierte“ und wissen genau, was sie bräuchten, um beruflich weiterzukommen. Wer hier gute Beratung anbietet, gewinnt an Lieferfähigkeit gegenüber Kundenunternehmen und an Strahlkraft der Arbeitgebermarke im Sinne des „Employer Branding“. Wir können uns weg von klassischen Zeitarbeitsbetrieben hin zu agilen HR-Dienstleistern weiterentwickeln – auch mit entsprechend positiven Effekten auf die öffentliche Wahrnehmung der Branche.

Personaldienstleister: Sie sind von Ihrem Ansatz so überzeugt, dass Sie die „Qualifizierungsoffensive Personaldienstleister 2022“ mit einem Pilotprojekt in der Metropolregion Nürnberg auf den Weg gebracht haben. Was hat es sich damit auf sich?

Azimi: Es handelt sich um einen Kooperationsverbund der Agentur für Arbeit mit interessierten Branchenvertretern. Ziel ist es, uns beim Thema Qualifizierung zu vernetzen und Angebot und Nachfrage sichtbar zu machen. Wir als add-on werden in diesem Verbund hoffentlich nur einer von vielen Akteuren sein und wollen insbesondere unsere bisherigen positiven Erfahrungen einbringen.

Personaldienstleister: Sie geben also Ihr Wissen weiter, obwohl Sie damit Ihrer Konkurrenz sozusagen in den Sattel helfen. Warum tun Sie das?

Hofmann: Ich glaube nicht, dass wir die einzigen sind, die erkannt haben, dass man Fachkräfte nur durch Qualifizierung gewinnt. Somit ist unser „Wissen“ nicht exklusiv. Wir teilen unsere Erfahrungen gerne mit allen, die auch aktiv werden wollen. Bei diesem Thema gibt es keine Konkurrenz, im Gegenteil – je mehr Personaldienstleister selbst in die Qualifizierung einsteigen, umso stärker sind

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