BAP-Qualifizierungsmodell: In drei Stufen zur Fachkraft

Wilhelm Oberste-Beulmann, Vizepräsident des Bundesarbeitgeberverbandes der Personaldienstleister (BAP) und Vorsitzender der Geschäftsführung der START Zeitarbeit NRW GmbH, im BAP-Serieninterview „Drei Fragen an…“

Wilhelm Oberste-Beulmann, Vizepräsident des BAP

Das Thema ist in aller Munde, die Medien berichten darüber und die Politik betrachtet die Entwicklung mit Sorge. Es geht um die Integration von Menschen ohne Berufsabschluss in den Arbeitsmarkt. Fest steht, dass es immer weniger Jobs für diese sogenannten Geringqualifizierten gibt und sich dieser Trend in Zukunft noch verstärken wird. Heinrich Alt, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, hat es erst kürzlich auf den Punkt gebracht: „Wer eine Ausbildung hat, ist drin, wer keine hat, ist draußen.“ Ohne einen Berufsabschluss geht also so gut wie nichts mehr, oder? Nicht ganz, denn es gibt eine Branche, die Geringqualifizierten Perspektiven eröffnet – die Zeitarbeit. Im BAP-Serieninterview „Drei Fragen an…“ spricht Wilhelm Oberste-Beulmann, für Bildung zuständiger BAP-Vizepräsident, über die Integrationsleistung der Personaldienstleister, das neue BAP-Modell zur Qualifizierung von Mitarbeitern ohne Berufsabschluss und über die Auswirkungen einer Höchstüberlassungsdauer von 18 Monaten auf die Weiterbildungsaktivitäten in der Zeitarbeit.

Herr Oberste-Beulmann, unter den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind nur noch 13 Prozent ohne abgeschlossene Berufsausbildung. An dieser Zahl lässt sich deutlich ablesen, dass Geringqualifizierte es auf dem Arbeitsmarkt sehr schwer haben. Wie sieht das in der Zeitarbeit aus?

Die Quote der Geringqualifizierten ist bei den Personaldienstleistern mehr als doppelt so hoch. Nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit sind mindestens 29 Prozent der Zeitarbeitnehmer ohne Berufsabschluss. Bei weiteren 19 Prozent ist nicht bekannt, ob und welchen Abschluss sie haben, sodass sich darunter höchstwahrscheinlich auch noch einige ‚verstecken‘, denen eine Ausbildung fehlt. Die Zeitarbeit ist also eine Branche, die Geringqualifizierten noch Perspektiven eröffnet. Damit übernehmen die Personaldienstleister auch eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, denn sie bringen diejenigen in Jobs, die es auf dem Arbeitsmarkt immer schwerer haben. Und diese Entwicklung wird weitergehen, das sagen jedenfalls alle Experten voraus. Das heißt, dass es für Geringqualifizierte immer enger wird und es auch in der Zeitarbeit irgendwann nicht mehr so viele Jobs für Menschen ohne Ausbildung geben wird.

Die Bundesagentur für Arbeit und alle Experten betonen immer wieder, dass es nur eine Lösung für Menschen ohne Berufsabschluss gibt: Qualifizierung. Was tun die Personaldienstleister und speziell der BAP für Zeitarbeitnehmer ohne Ausbildung?

Die Weiterbildungsangebote in der Zeitarbeitsbranche sind mittlerweile äußerst vielfältig und umfassen nicht nur die fast schon klassisch zu nennenden EDV-Grundkurse, Sprachkurse und Gabelstaplerscheine, sondern reichen weit darüber hinaus, wie eine Befragung unseres Verbandes gezeigt hat. Es gibt beispielsweise Fortbildungen zum Fluggerätmechaniker, zum Maschinenanlagenbediener, zum Pflegehelfer in der Altenpflege, zum Kunststoffmechaniker, zum Office Manager und noch viele andere mehr. Die Mehrzahl der Qualifizierungsprojekte richtet sich übrigens an Un- und Angelernte.
Um unsere Mitgliedsunternehmen und später auch die ganze Branche bei ihren Weiterbildungsaktivitäten zu unterstützen, haben wir jetzt beim BAP ein berufsbegleitendes dreistufiges Qualifizierungsmodell entwickelt. Anfang 2015 werden wir mit ausgewählten Mitgliedsunternehmen in die Pilotphase einsteigen und unter anderem die eigens von unserem Verband  entwickelte E-Learning-Plattform testen. Mit Hilfe dieser Plattform werden Zeitarbeitnehmer ganz bequem – zum Beispiel auf dem Weg zur Arbeit – auf die Lerninhalte zugreifen und sich so neben dem im Job erworbenen Fertigkeiten auch das theoretische Wissen aneignen können.
Mit unserem Qualifizierungsmodell werden Zeitarbeitskräfte ohne abgeschlossene Ausbildung in – wie der Name schon sagt – drei Etappen an einen Berufsabschluss herangeführt. Die ersten beiden Stufen, mit denen Ungelernte erst zum Fachhelfer und dann zum Fachassistenten qualifiziert werden, laufen über Personenzertifizierungen. Hier arbeiten wir mit einem externen akkreditierten Anbieter zusammen, der die Prüfungen abnimmt und den Qualifikationszuwachs der Zeitarbeitnehmer mit einem entsprechenden Zertifikat dokumentiert. So haben Zeitarbeitskräfte schon nach der ersten Stufe etwas Substanzielles in der Hand, mit dem sie ihre gestiegenen Fähigkeiten nachweisen können.
Die dritte Stufe baut auf den ersten beiden auf und führt zur sogenannten Externenprüfung, also einem anerkannten Berufsabschluss ohne entsprechende Ausbildung, die zum Beispiel von der IHK oder den Handwerkskammern abgenommen wird. Aus geringqualifizierten Zeitarbeitnehmern werden so stufenweise Fachkräfte, die sich um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt keine Gedanken mehr machen müssen.

Die große Koalition will die Höchstüberlassungsdauer für Zeitarbeitnehmer auf 18 Monate begrenzen. Was bedeutet das für das BAP-Qualifizierungsmodell und generell für Aus- und Weiterbildungsaktivitäten der Personaldienstleister?

Ganz ehrlich: Nichts Gutes! Gerade Qualifizierungsmaßnahmen, die auf einen Berufsabschluss abzielen wie das BAP-Modell, benötigen einfach viel, viel Zeit. Für besagte Externenprüfung muss in der Regel der Nachweis von viereinhalb Jahren fachbezogenem Einsatz im entsprechenden Arbeitsbereich erbracht werden. Da reichen dann die 18 Monate hinten und vorne nicht aus.
Aber auch für anerkannte Teilqualifikationen würde es mehr als eng, weil selbst dabei eine entsprechend lange Berufspraxis unabdingbare Voraussetzung ist. Mit anderen Worten: Vom BAP-Qualifizierungsmodell ließe sich nur noch die erste Stufe realisieren und die Personaldienstleister insgesamt könnten künftig lediglich kurze, punktuelle Weiterbildungsmaßnahmen wie beispielsweise Gabelstaplerscheine anbieten.
Der Versuch, Geringqualifizierte zu einem Berufsabschluss zu führen, wäre jedenfalls in der Zeitarbeit definitiv erledigt. Und das wäre schlimm, denn – wie gesagt – gerade in unserer Branche arbeiten überproportional viele Menschen ohne Ausbildung, für die eine entsprechende Qualifizierung so wichtig wäre. Ich kann deswegen nur an die Bundesregierung appellieren, diesen Menschen nicht die Chance auf einen nachträglichen Berufsabschluss zu nehmen.

Wichtiger Hinweis:
Die Weitergabe der persönlichen LogIn-Daten an Dritte ist untersagt. Bei Zuwiderhandlung behält sich der BAP entsprechende rechtliche Schritte vor.

Artikel teilen:

zurück